Tarek Leitner ist Journalist und TV-Moderator. Bekannt ist er vor allem durch die Moderation der Zeit im Bild. Neben der Tätigkeit beim ORF ist er auch Lehrbeauftragter am Institut für Publizistik an der Universität Wien.

In seinem Buch Mut zur Schönheit – erschienen im Christian Brandstätter Verlag – prangert er die Zerstörung Österreichs durch moderne bzw. „ökonomische“ Bauvorhaben an. Anhand etlicher kleiner Bausünden (sei es ein überdimensionierter roter Stuhl oder einfach nur eine neue Garageneinfahrt im Jugendstiel-Haus) welche uns im Alltag nicht (mehr) auffallen werden dem Leser die Augen geöffnet, wie sich unsere Umgebung verändert. Dieses Buch sollte Pflichtlektüre für alle Bauherren und Bürgermeister (Stichwort „oberste Bauinstanz“) sein.

Der folgende Text aus seinem Buch (dessen Veröffentlichung uns der Verlag freundlicherweise erlaubt hat) befasst sich mit dem Thema Umfahrungen und seine Folgen.


Ersatz 2: Umfahrungsstraßen


Einst sind Umfahrungsstraßen gebaut worden, um die lästigen Fremden, die kein Interesse haben, im Ort stehen zu bleiben, davon fern zu halten. In immer weiteren Kreisen sind die Fahrzeuge um den Ort geführt worden. In manchen Regionen lassen sich zwei bis drei Generationen Umfahrungsstraßen, immer weiter weg, erkennen. Daraufhin ist es ruhig geworden in den Dorfkernen – zu ruhig, wie sich schnell herausgestellt hat. Diesem viel beklagten Phänomen (Wirtshaussterben, Greißlersterben, Schuster-, Bäcker-, Fleischersterben!) ist allerdings nie etwas entgegengesetzt worden, was über den naiven Appell „Fahr nicht fort, kauf im Ort!“ hinausgegangen wäre. Dieser Appell hat kein Bedürfnis der Menschen getroffen. Und als dieser Reim dann auch noch von den Vernünftigen mit dem Argument der „Kaufkraft für die Region“ (die mit dem Hierbleiben gestärkt werden sollte) angereichert wurde, hat der potenzielle KiK-Kunde, der damals noch nichts von diesem Spar-Paradies wissen konnte, gerochen: Hier wird es wohl teurer sein, nur fort!

So weit wie am Beginn des Umfahrungsstraßenzeitalters in den ausgehenden 70er Jahren muss der Landbewohner in der Postumfahrungsstraßenzeit aber gar nicht mehr fahren. Denn an diesen oft autobahnähnlichen Straßen ist wieder genau jene Entwicklung zu beobachten, die es vor hunderten Jahren an der zentralen Kreuzung im Dorf gegeben hat, oder die es (um nicht so weit zurückzugreifen) im 20. Jahrhundert in den zentralen Verkehrsachsen und Fußgängerzonen unserer Städte gegeben hat. Im Postumfahrungsstraßenzeitalter haben wir erreicht, dass die Ortskerne zwar aussterben, die Gewerbetreibenden mit ihren Kommunalabgaben aber dennoch in der Gemeinde (oder besser: im Gemeindegebiet) bleiben.

Nicht nur Gebrauchtwagenhändler, Baumarkt und die üblichen verdächtigen Diskonter, sondern auch Ärztezentrum, Apotheke und Optiker haben sich entlang der Umfahrungsstraßen angesiedelt. „Wir brauchen die Frequenz.“ Und wer als kleiner Gewerbetreibender den wirtschaftlichen Anschluss nicht verpassen wollte, hat eben auch in einer dieser bis dahin leeren Blechhallen, mit der großen Zahl an Autoabstellplätzen davor, eine Fläche gemietet, um dort seine Semmeln zu verkaufen. Selbst das geht sich wirtschaftlich aus, neben dem Supermarkt. Denn die „Alte Bäckerei“ wie sie sich vorsorglich nennt, erzählt uns zu den Semmeln ja auch noch eine kleine Geschichte dazu.

So entsteht neben den Leitplanken der Bundesstraße, nur mit dem Auto erreichbar, in seiner Funktionalität das gleiche Dorf, das es einst ein paar hundert Meter weiter gegeben hat. Mit dem Unterschied: Das neue Dorf ist viel hässlicher und verschlingt unverhältnismäßig mehr Ressourcen. Und zwar nicht nur durch die unmittelbar gebrauchte Fläche: mit einer Abfahrt von der Umfahrungsstraße inklusive Untertunnelung, um auf die andere Fahrbahnseite zu kommen („Bei uns sparen Sie sich sogar das Abbiegen!“), mit eingeschlossen, aber hohen Hallen, wie es sie in der Region aus gutem Grund bisher nicht gab, mit Autoabstellplätzen, so zahlreich, dass alle Dorfbewohner gleichzeitig von einem Supermarkt zum anderen ziehen könnten.

Wenn es doch nicht wie erwartet funktioniert, sind die gebrauchten Flächen tatsächlich verbraucht. Denn wo schon einmal etwas Hässliches steht, ist Widerstand nicht zu erwarten, wenn das eine durch etwas anderes (eine Autowaschanlage etwa durch einen Supermarkt) ersetzt wird. Solche Bauten verbrauchen also ihren Platz – und das weit über die Fläche hinaus, auf der all das Beschriebene errichtet ist. Kilometerweit ist dieses Umfahrungsstraßen-Bebauungschaos zu sehen, die Unstrukturiertheit dieser Bebauung charakterisiert von da an das ganze Tal. Von überall aus ist diese sich entlang der Umfahrungsstraße schlängelnde Scheußlichkeit zu sehen – und falls die Sicht darauf doch einmal nicht die beste sein sollte, wird mit einem bunten Wald hoher Fahnen nachgeholfen, wie sie einst die ersten Großmärkte am Stadtrand erfunden haben (und wie sie heute vor den schönsten Fassaden innerstädtischer Museen zu finden sind, originellerweise ganz ironiefrei). Um das neue Dorf, das Postumfahrungsstraßendorf, komplett zu machen, fehlt nur noch die Gästeunterkunft, vorzugsweise ein Motel. Da braucht es wohl nicht mehr lang, bis Betreiber oder Gäste wieder nach mehr Ruhe rufen. Und dann ist es Zeit für die nächste Generation einer Umfahrungsstraße – der leere alte Dorfkern stünde ja noch zur Verfügung...

Ein wenig schlechtes Gewissen kommt bei jenen, die in der Region Verantwortung für diese Entwicklung tragen, aber offenbar doch auf: Denn an den Umfahrungsstraßen mehren sich die Hinweisschilder zu historischen Orten, also zu den schönen Seiten, die die Region zu bieten hätte – und an denen wir so gern mit großer Nachdrücklichkeit vorbeigeschleust werden. In größter Tristesse steht im Fahnenwald eine ganze Wand voll Schilder, die in ihrer Aufmachung ganz der Anmutung folgen, wie auch auf die nächste Bundesstraßenkreuzung aufmerksam gemacht wird. Dadurch nimmt sich selbst die „barocke Kirche“ so künstlich aus wie die Umgebung, aus der darauf verwiesen wird. Und die Betreiber des landläufigen Museums zerbrechen sich noch immer den Kopf, wie denn aus ihrem Haus endlich das auf der Umfahrungsstraße angekündigte Erlebnismuseum wird, in dem es doch seit Jahrzehnten einfach nur Dinge zu Betrachten gibt.

In der entstellten Umgebung der Umfahrungsstraße braucht es den nachdrücklichen Hinweis auf die Welt außerhalb, weil wir weder damit rechnen, dass es dort schöne Gebäude oder Aussichtspunkte gibt, noch sehen würden, dass der Bildstock bemerkenswert, die Eiche tausend Jahre alt oder das Wohnhaus vom berühmten Heimatdichter bewohnt worden ist. Das besondere an der Region wäre allerdings, dass diese schönen Dinge selbstverständlicher Bestandteil der Umgebung sind. Mit der Vermarktung, die – nicht zuletzt – im marktschreierischem Hinweis zum Ausdruck kommt, werden sie zu einer Besonderheit gemacht, mit der nicht mehr in bisheriger Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit umgegangen werden kann.

© Tarek Leitner / Brandstätter Verlag